Die Magie der Erscheinung

Dr. Christoph Schreier, Kunstmuseum Bonn

 

Wir kennen sie alle, die Gesichter und die Gegenstände, die uns in Elisabeth Bereznickis Bildern und Objekten begegnen. Schauen wir sie an, so identifizieren wir Bekanntes, kanonisiert zudem in einem Regelwerk von Gattungen, das für die dargestellten Menschen die Kategorie des ‚Porträts‘ und für die Objekte jene des ‚Stilllebens‘ bereithält. Und doch ist da etwas, was all die Schalen, Beistelltischchen, Blumenvasen und Flacons, die in Bereznickis Stillleben auftauchen, ungewohnt, ja fast befremdlich erscheinen lässt. Aus den vertrauten Funktions- und Darstellungszusammenhängen herausgelöst erfahren sie nämlich einen Bedeutungsverlust, der seine Pointierung in der grotesken Stapelung, der scheinbar willkürlichen Montage einander letztlich doch so fremder Dinge findet. Stets vor einem weißen Hintergrund wiedergegeben schweben sie, merkwürdig verschraubt, in einem inhaltlichen Nirwana, das nichts mehr mit der bedeutungsvollen Inszenierung des Alltäglichen zu tun hat, die wir aus der Tradition des barocken Stilllebens kennen. Im 17. Jahrhundert gestalteten Maler das große, um Sinnenlust und Vergänglichkeitgewissheit kreisende Welttheater aus den Versatzstücken der häuslichen Lebenswelt, so dass sich im Mikrokosmos des Vertrauten die ganze menschliche Existenz spiegeln konnte. Entsprechend liegt den Stillleben eines Pieter Claesz oder eines Willem Claesz Heda eine bedeutungsgesättigte Symbolik zu Grunde, die man in Bereznickis Gemälden vergeblich suchen wird. Auch wenn ihre Kunst – wie etwa die großformatigen, auf Markisenstoff gemalten ‚Bankette‘ zeigen (1) – durchaus von einer barocken Inszenierungslust getragen ist, dann verzichtet sie doch auf eine moralische Botschaft, auf eine in oder hinter den Erscheinungen verborgene Inhaltlichkeit. Solch eine Doppelbödigkeit ist ihr fremd, denn für ihre Malerei gilt letzten Endes die Apodiktik des ‚What you see is what you get‘.

Von daher spielen ontologische Fragestellungen in Bereznickis Schaffen keine Rolle, ihr geht es vielmehr um die Logik der Erscheinungen. Ihre Stillleben sind ästhetische Versuchsanordnungen in deren Rahmen Farben und Formen ihre malerische Sinnlichkeit entfalten können. Dies soll ein Beispiel belegen. Verwiesen sei auf eine Arbeit des Jahres 2013(2), die geeignet ist einige charakteristische Merkmale ihres jüngsten Schaffens zur Anschauung zur bringen. Seit 2008 benutzt Elisabeth Bereznicki weiß grundierte Alu-Dibond Platten, auf deren feste, druckresistente Oberflächen Ölfarbe, im wahrsten Sinne des Wortes „aufgetragen“ wird. Diese verbindet sich also nicht mit dem Malgrund und bewahrt dadurch ihre Materialität, wie das Bild insgesamt – jenseits aller illusionistischen Abbildlichkeit - als „Gemachtes“, als ästhetisches Konstrukt ausgewiesen ist. Einen deutlichen Hinweis hierauf liefern natürlich speziell die Farbmusterstreifen, die den Gegenständen unterlegt sind. Sie stellen die ungegenständlich-konkrete Basis für den Auftritt der Pokale, der Schalen und der Lampen, die sich auf dieser planimetrischen Grundlage zu einem Tanz der kreisenden Farb-Formen versammelt haben. Losgelöst von aller Bedeutung entfalten die Formen ihr koloristisch beschwingtes Eigenleben, für das die wiedergegebenen Objekte, die sich übrigens alle im Besitz von Elisabeth Bereznicki befinden und ihr solchermaßen als Motiv dienen können, eigentlich nur noch äußerer Anlass sind. (3) Nicht um das Wesen der Dinge, um ihr Sein, sondern um die Erscheinung geht es ihrer Kunst, was auch ein Blick auf die Folge der ‚Schnitte‘ bestätigt.

Diese Werkreihe geht den polyphonen Farbformbeziehungen der Stillleben unmittelbar voraus und entsteht ab dem Jahr 2003. Gestalterisch betrachtet handelt es sich um mit dem Skalpell ausgeführte Einschnitte in Siebdruckplatten, so dass diese Arbeiten, unter medialen Gesichtspunkten, eher dem Relief als der Malerei oder der Zeichnung zuzuordnen sind. Trotz ihrer gleichsam ‚physischen‘ Entstehungsbedingungen vergegenwärtigen sie aber eine zarte, filigrane Linienkunst in deren Rahmen Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, wie etwa Tassen, aufscheinen. Sie sind der gestalterische Anlass für die flächigen, dunklen Rundformen, die die Werke beherrschen und ungleich präsenter wirken als ihre motivischen Vorbilder. Auf diese Weise kehren sich die Hierarchien um: die bildnerischen Erscheinungen gewinnen eine ästhetische Gültigkeit, die die Realien, die (dargestellten) Gegenstände faktisch verblassen lassen. Kennen wir das, wenn auch in anderer Form, nicht von Henri Matisse‘ ‚Rotem Atelier‘ (4)? Auch dort ist die Welt der Bilder ungleich realer als die der Stühle und Tische, die nur als immaterielle, gleichsam fleischlose Linienkonstrukte wiedergegeben werden. Solch eine Umwertung der platonischen Werte finden wir auch in Bereznickis Werk, denn auch für ihre Kunst gilt Goethes Sentenz, dass wir ‚allein am Abglanz das Leben haben‘(5).

Entsprechend treibt sie ihr Spiel um Schein und Sein, in dem die Rollen allerdings nicht immer so klar verteilt sind wie im Fall von Matisse. Während dieser im ‚Roten Atelier‘ ein Plädoyer für die Realität der Kunst abliefert operiert Bereznicki mit changierenden Realitätsebenen die sich zudem wechselseitig befragen. Nirgendwo wird das deutlicher als in den Porträts prominenter Medienstars,“die sie seit dem Jahr 2012 malt. Um Porträts handelt es sich insofern, als eine Wiedererkennbarkeit der Dargestellten gegeben ist. Und doch fehlt etwas Entscheidendes, der Blick hinter die Fassade dieser makellosen Gesichter der das Porträt zum Charakterbild macht. So gewährt Bereznicki den Tilda Swintons und Amy Winehouses dieser Serie zwar einen glanzvollen, ja strahlenden Auftritt, doch bleiben sie in ihrer kühlen Makellosigkeit und unkörperlichen Fragmentierung merkwürdig maskenhafte Erscheinungen, die nie die ikonische Präsenz erlangen, die Warhol seinen Stars verliehen hat. Eher verblassen diese flachen Ebenbilder gegenüber motivischen Details, denen Bereznicki eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat. Denn die reich modellierten Haare von Amy Winehouse und die Korallenkette Tilda Swintons scheinen sich - Dank der Individualisierungsleistung der Malerei – aus ihrer dekorativen Nebenrolle zu befreien, um selbstbewusst die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zu ziehen. Ob er sich von dieser malerischen Raffinesse verführen oder sich doch von dem sublimierten Starkult gefangen nehmen lässt, bleibt letzten Endes ihm überlassen. Bereznicki trifft hier keine Vorentscheidungen, da ihr malerisches Konzept weniger auf Aufklärung denn auf Vielfalt und sinnliche Verführungskraft setzt. Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit angesiedelt fehlt ihrer Malerei jeder Dogmatismus. Für sie ist das Bild kein Ort der ästhetischen Belehrung, sondern ein Ort der Magie, eine Bühne, auf der Farben, Formen, alltäglich Banales wie spektakulär Berühmtes zusammentreffen und dort einen strahlenden Auftritt erhalten.

Auf solche theatralischen Wirkungen setzen nicht zuletzt auch ihre Objekte und Installationen, die seit dem Jahr 2006  entstehen. Zu nennen sind hier vor allem ihre ‚Leuchter‘ – strahlende Ereignisse sui generis – die Flohmarktfundstücke zu komplexen, im Raum schwebenden Skulpturen bündeln. Als Betrachter ist man erstaunt über die Formenvielfalt dieser Funktionsobjekte, berührt von der Erkenntnis, welche Strahlkraft vom alltäglich Vertrauten ausgehen kann. Dieser Aura kann man sich nur schwer entziehen und wenn man in die Lichtkegel tritt, dann mag man sich einen Moment so fühlen wie die Stars, die Bereznicki in ihren Porträts in die Aureole eines Lichtkranzes setzt. Auch sie sind vielleicht ganz irdische Wesen, die, aus unterschiedlichen Gründen, in das Rampenlicht der Aufmerksamkeit gelangt sind. Seit Warhol wissen wir, dass ein Jeder das Potential zum Star besitzt und Bereznickis Kunst führt uns vor Augen dass dies nicht nur für die Menschen sondern auch für Dinge gilt. Denn Dank ihrer klugen Bildregie und ihres virtuosen malerischen Könnens besitzt ihre Kunst eine seltene Transformationskraft, die Fähigkeit, dem Gewohnten den Glanz des Spektakulären zu verleihen.

 

 

 

Anmerkungen:

1. Elisabeth Bereznicki, Das Bankett unendlich, 2010, Öl auf schwarz-weiß gestreiftem Stoff, 120 x 1100 cm, Im Besitz der Künstlerin

2. Elizabeth Bereznicki, Tischsituation, Seite 34

3. Als unmittelbare Vorlage für ihre Gemälde dienen Elisabeth Bereznicki Kompositionsentwürfe, die sie am Computer vorbereitet

4. Henri Matisse, Das Rote Atelier, 1911, Öl auf Leinwand, 181 x 219 cm, Museum of Modern Art, New York

5. Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, in: Goethes Werke, Bd. 5, Hrsg. Eduard von der Hellen, Stuttgart/Berlin 1921, S. 156