Ausstellungen

Art Karlsruhe 2017 mit der Galerie Marek Kralewski

Städtische Galerie Filderstadt

Kunstverein Biberach

Die Befreiung der Dinge

 

Malerei und Skulpturen und Elisabeth Bereznicki im Kunstverein Biberach

 

Womöglich stimmt es ja, was Lyall Watson in seinem Buch "Das geheime Leben der Dinge" schreibt, und es mag nicht ganz zufällig sein, wie sich die Dinge uns gegenüber verhalten. Was, wenn wir aus dem Haus gehen? Führen sie mitunter ein burleskes Eigenleben?

Begründen mitunter Wahlverwandtschaften, formieren sich zu hybriden Organismen, die jeden Sinn und Zweck im Einzelnen vergessen lassen - wie auf den Bildern von Elisabeth Bereznicki.Die Malerin setzt einen entschieden frechen Kontrapunkt zur altehrwürdigen Gattung "Stillleben". Still ist hier nichts, vielmehr hören wir es wirbeln und rumoren in der Farbe.  "Nature mort"? Beileibe nicht. Tot ist hier nichts und nichts Natur. Leben wächst ihnen allein aus der kombinatorischen Phantasie zu. Aus Farbe und Form! Keine Raupe nagt da am Geschirr, kein Nachtfalter umflattert den Parfümflakon, gemahnt auf das Ende aller irdischen Herrlichkeit.

Beretznickis Dinge haben keine Repräsentanz, kein spirituelles Dahinter, sind nichts als sie selbst und sich vollauf genug.

Für sich genommen sind sie nicht landläufig schön, auch wenn es der primäre ästhetische Reiz jedes Einzelnen ist, der die Malerin zu ihren "Gruppenportraits" inspiriert. Wie nicht anders vermutet, hat ein jedes sein Äquivalent in der Lebenswelt dieser Künstlerin. Natürlich, möchte man sagen.Dinge aus unterschiedlichsten Zeiten, die ihren Schülern an der Pädagogischen Hochschule Freiburg als Vorlage für zeichnerische oder malerische Studien dienen. Jedes für sich ein sprechender Stil- und Zeitzeuge, teils fest verankert im biographischen Kontext. Haargenau weiß sie, auf welchem Flohmarkt sie dieses oder jenes Objekt erstanden hat. Über manches ließe sich so einiges berichten. In der Ballung aber, im mehr oder weniger organischen Zusammenspiel, bleiben sie stumm, bewegen sich mitunter seltsam bedrohlich auf uns zu. Als hochgradig dynamische Ensembles. Man muss schon genau hinschauen, um ihre Formen klar zu unterscheiden; die jüngsten Bilder aus der Serie "Hybrid" tendieren deutlich zur Gestaltauflösung. Eine Volte also gegen unseren Wunsch nach Katalogisierbarkeit . Wenn Sie so wollen: Ein antiaufklärerischer Impuls. Durch Sortieren in die Setzkästen unseres Verstandes kommen wir dem Wesen der Dinge nicht nahe, wir befriedigen nur unseren natürlichen Ordnungssinn. Ohnedies geht es der Künstlerin nicht mehr ums Wesen, gar um ein platonisches Dahinter der Materie - ein "Ding an sich", sondern um die Erscheinung - das Wort "Oberfläche" klingt da allzu flach.

Schließlich geht es um einen Akt der Befreiung- zur schöpferischen Phantasie, zu etwas ganz anderem, bestenfalls Fremdem -zur Kunst.

Die zufällige Form ist da nur Mittel zum Zweck.

 

Dieser Impuls der Befreiung der Dinge aus den Denkrastern der Gewohnheit und des alltäglichen Gebrauchs, ja von jeglichem Utilitasrismus - und sei es nur zum Nutzen der ästhetischen Kontemplation - hat seinen historischen Ort. Er liegt im Zürcher Cabaret Voltaire, der Schmiede des Dadaismus und in den verqualmten Salons der Surrealisten.Der Impuls, der zu Bildern wie diesen führte, wurzelt letztlich in Duchamps "Fontaine", in seinen Einrädern und Flaschentrocknern.

Wie wir die Dinge sehen und ob wir ihnen den Charakter eines Kunstwerks zubilligen, hängt nicht an ihrer ursprünglichen Funktion, sondern allein an Kontext und Kombinatorik.Im gemalten Abbild liegen die Dinge noch ein wenig anders. Hier wird den Blick ganz unwillkürlich auf die Textur gelenkt - und diese Malerei will selbstverständlich alles andere als die fotografische Exaktheit eines Trompe l`oeil. Als brächte uns die Detailschärfe den Dingen wirklich nähern! Nein, diese Bilder wollen nicht mehr sein als Malerei. Wenn sie von etwas erzählen, dann vom Prozess ihrer Genese, die spontan, rasch und intuitiv vonstatten geht. Ihre malerische Delikatesse liegt insbesondere in der lebendigen Textur.

 

Das Auge isst mit, erst recht auf jener textilen Tafel, die Bereznicki mit sicherem Gespür für den "genius loci" vom Bühnenpodest für uns ausbreitet, besser aufrollt, denn die herrlich heterogenen Speisen sind auf schwarz-gestreiften Marquisen-Stoff gemalt. Mögen ihre hybriden Ding-Amalgame offensiv auf uns zuspringen, präsentieren sich ihre nicht unbedingt leicht konsumierbaren Speisen als veritables Seh-Büffet. Ein jeder suche sich das ihm Gemässe, stelle sich seinen Teller in aller Ungezwungenheit zusammen. Darf es vielleicht ein - möglicherweise sakrales - Schafsköpfchen sein, eine farbsatte Schwarzwälder Kirschtorte oder der gestauchte Schädel aus Hans Holbeins berühmten Konvexspiegel?

Sie sehen schon: Mit assoziativen Angeboten aus den reich gefüllten Vorratskammern von Religion und Kunstgeschichte wird hier nicht gespart. Statements, Sehhilfen, gar semantische Verweise bleiben uns bei diesem Augenschmaus erspart. Wir stehen - mit oder ohne Appetit - vor einem scheinbar endlos laufenden Band mit nicht nur kulinarischen Reizen,und haben, wie im Leben, die Qual der Wahl. Niemand sagt uns, wie im Leben, ob die Auswahl letztlich Sinn macht. Bezüge herzustellen, die über nur optische Analogien hinausgehen, macht jedenfalls Freude und hat - wie jedes Spiel - frei nach Schiller, seinen Sinn in sich. Vor allem entspricht die Suche nach sinnfälliger Verknüpfung einem menschlichen Urbedürfnis. Mit dem "puren Zufall" möchte sich niemand von uns anfreunden, und jeder gute Psychologe könnte ihnen nachweisen, ob und in wiefern in dieser Auswahl ein Innen-Portrait der Künstlerin vorliegt. Nur, fragen sollten wir ihn nicht.

Den Vorwurf Schopenhauers müssen sich diese durchaus zeitgemässen Stillleben jedenfalls nicht gefallen lassen: Sie seien für die Sinneslust ein Stachel, ein "gefundenes Fressen" für jenen allumfassenden "Willen", der an der wahren Kunst des interesselosen Wohlgefallens ja keinen Anteil haben soll. Oder überfällt Sie angesichts der gekreuzten Knochen, der Austern und Spiegeleiner, bei aller malerischen Delikatesse, ein besonderer Appetit? Hieß es dereinst apodiktisch aus väterlichem Mund: "Füße vom Tisch!" haben diese, wie die bandagierten Hände, hier ganz offensichtlich etwas zu suchen.Fragt sich nur, was. Von den üppigen Tafelfreuden eines Veronese ist dieses "postmoderne Büffet" allemal mehr als fünf Jahrhunderte entfernt.

 

Auch einem anderen klassischen Genre flösst die Malerin neues Leben ein: Dem guten alten Portrait. Tatsächlich ein sehr altes Genre - denken wir an die spätantiken ägyptischen Mumienportraits. Noch früher war das gemeisselte Portrait. So alt aber denn auch nicht, weit jünger jedenfalls als die Kunst, sehen wir in den neolithischen Handabdrücke an den Höhlenwänden nicht den Versuch, eine persönliches Erinnerungszeichen zu hinterlassen. Erst mit der Entwicklung des Bewusstseins für das einzigartige, unverwechselbare Individuums machte sich die Portraitkunst gelten und löste sich aus dem Bann der Idealisierung. Dann war es das Ziel des Portraitisten, zum je eigenen Wesen des oder der Dargestellten, zur "persona" vorzudringen. Dass sich dieses Wort von der Theatermaske ableitet, steht auf einem anderen Blatt. Noch eine Frage, meine Damen und Herren: Ist nicht jedes Portrait eine Idealisierung, allein weil es dem Dargestellten Wert verleiht? Hand aufs Herz: Wer sähe nicht gern sein Konterfei in der (überregionalen) Zeitung? Selbst Andy Warhols´Multiples der Stars und Gekrönten, haben den Glanz von Ikonen. Auch die in der Regel bekannten Gesichter von Elisabeth Bereznicki glänzen. Deutlich erkennbar, dass hier mit Sympathie gemalt wurde - von handwerklicher Bravour ganz zu schweigen. Die Auswahl ist keineswegs beliebig Jeder der Dargestellten nötigt der Malerin Respekt, zuweilen auch Bewunderung ab. Geht es bei dieser Auswahl doch nicht primär um äussere Schönheit, sondern um das dahinter stehende Werk, zu dem sie eine Beziehung hat: Die Musik vom Amy Winehouse, die androgyne Schauspielkunst der Tila Swinton, Angelina Jolies humanitäres Engagement. Das Gesicht bleibt unbeschädigt, wird nicht ironisch desavouiert, bleibt das der Ikone. Ein Dahinter aber, der Wille etwa mit psychologisierendem Pinsel in verborgene Seelenschichten vorzudringen und diese auszuloten, gibt es nicht. Kein Mehr als Malerei - makellose Oberflächen! Was das Auge irritiert ist vielmehr der Stilbruch im Bild: Kleidung und Accessoires erscheinen mit ihrem pastosem Pinselschwung dem "Face" mitunter den Rang abzulaufen, machen sich beinahe schon ungebührlich wichtig. Abermals erleben wir den Aufstand der Marginalien gegen die flache Allgewalt der Ikone. Vermeintlich totes Material fordert sein Eigenleben. Es ist zugleich das Aufbegehren der abstrakten, puren Malerei gegen die Dominanz des von der Fotografie okkupierten Abbilds. Dieses oft kontrastive Nebeneinander der Stile ist ein Charakteristikum von Bereznickis Malerei. Sie probt den Spagat. Die Macht der Dinge aber wirkt doch immer wieder stärker.

 

Insbesondere ihre Skulpturen können zum Beweis herhalten. In ihnen zeigt sich deutlich, wes Geistes Kind diese Künstlerin ist. Es ist der Geist von Duchamp: Lampen aus verschiedenen Zeiten, die sich zu Leuchtwesen ganz eigener Ordnung formieren, die teils wie außerirdische Flugobjekte wirken, allemal wie Zwitter ihrer gemalten "Kollegen", hybrid auch sie - durchaus im doppelten Wortsinn.

Etwas Nostalgie darf beim Anblick dieser Leuchtobjekte schon mitschwingen, denn in ihnen sind Erinnerungen eingeflochten. Im Verbund wirken sie nur herrlich befremdlich.

 "Klassisch" geradezu und ein klarer Rekurs auf die Surrealisten à la Dali und Oppenheim: Das schwarze Tischchen mit gestapeltem Teegeschirr, das, getragen von einem Arm ohne Körper aus der Wand wächst. Einmal mehr stellt sich hier die Frage, was die Dinge mit uns, mit den Menschen zu tun haben.

Sind sie nur Stellvertreter - pars pro toto - oder brauchen sie uns gar nicht. Haben sie etwa eine geheime Botschaft?

Hören Sie genau hin?

Sie werden vermutlich nichts anderes finden als Kunst.

Und das ist vollauf genug!

 

 

Stefan Tolksdorf    

 

Raum 34 / Stuttgart

Ausstellung                                                                                  14. März 2015

Elisabeth Bereznicki

 

Unsere neue Ausstellung zeigt Malerei von Elisabeth Bereznicki unter dem Titel ‚based on’. Die Künstlerin wurde in Warschau geboren und hat an der dortigen Kunstakademie studiert. Ein Diplom mit Auszeichnung in der Tasche, kam sie 1989 nach Freiburg, um als Dozentin an der PH Malerei zu unterrichten. Ein Stipendium führte sie nach Paris an die Cité des Arts, das sie mit einem längeren Studienaufenthalt verknüpfte. Schon früh fand sie zu ihrer eigenen Bildsprache, die sowohl durch eine plakative Motivwahl besticht, als auch durch eine sinnlich farbige Ausstrahlung ihrer Bilder.

 

Die Arbeiten von Elisabeth Bereznicki gliedern sich in zwei prägnante Werkgruppen, zum Einen die Stillleben, zum Andern die Portraits. Was beide Themen verbindet ist die unbändige Lust am Malen und an der Farbe. Es ist das, was dem Betrachter als Erstes ins Auge springt, die Art der Malerei vermittelt etwas positiv heiteres ohne ins rein Dekorative abzugleiten.

 

Was die Sujets in Bereznickis Bildern betrifft, kommt man nicht umhin, das Genre ‚Stillleben’ im Allgemeinen anzusprechen.

Hatten die Künstler des 17.Jhdts. doch einen ähnlichen Ansatz in der Motivation, Dinge des täglichen Lebens und des häusslichen Umfelds zu Tableaus zu arrangieren, allein um der Raffinesse und Delikatesse der Malerei zu fröhnen.Die Kostbarkeit und Stofflichkeit der Arrangements war einzig dazu da einen Augenschmaus zuzubereiten und die Luxus verwöhnte Kundschaft zufrieden zu stellen. Die Maler kombinierten kostbare Gefässe und Textilien aus edelsten Materialien mit ‚Nature morte’, ephémèren Zugaben aus der Natur, die oft mit allegorischer Bedeutung aufgeladen waren. Bei den Stillleben von Elisabeth Bereznicki ist davon nichts mehr übrig. Schonungslos zeigt sie den banalen Alltagsramsch unserer Zeit, der nach dem Erwerb kurz mal ‚Wichtig’ war um bald darauf auf dem Flohmarkt oder Sperrmüll zu landen. Lediglich die grelle Buntheit erinnert noch an den Ursprung ‚Kauf mich, ich mache dich glücklich.’ Doch nicht die Konsumkritik ist Bereznickis Hauptanliegen, es sind die Formen und Farben der Objekte, die sie so arrangiert, dass wahrhaftige Farbexplosionen entstehen.

Hybrid bezeichnet sie die Vorgehensweise, aus einem Sammelsurium von scheinbar bekannten Gegenständen Sujets zu gestalten, die nur noch Form und Farbe sind.  Die Gegenstände als solche interessieren sie nicht. Sie sind zwar bewusst gesammelt und ausgewählt, doch nur um mit ästhetischen Versuchsanordnungen zu spielen und expressive Bild-kompositionen zu kreieren die sie mit flotten Pinselstrichen auf das weisse Trägermaterial setzt. Die Entscheidung den Hintergrund stets weiss zu lassen, stellt die Komposition in einen imaginären Raum und steigert so die künstliche Wirkung.

Im Katalogtext wird ein Bild von Matisse zitiert das in diesem Zusammenhang durchaus seine Berechtigung hat. (Das rote Atelier) Auch Matisse hat Objekte, Möbel, Stoffmuster ihrer Wirklichkeit enthoben, um sie ganz der Farb und Formen Komposition zuzuordnen, die für ihn oberste Priorität hatte. So gesehen hat die Malerei von Elisabeth Bereznicki einen traditionellen Hintergrund, von dem lediglich das Schwelgen in neobarocker Üppigkeit übrig geblieben ist, die selbst vor Buntheit nicht zurückschreckt. Eine skulpturale Entsprechung zu den Kompositionen auf den Bildern sind die Lichtobjekte,

von den wir allerdings nur eines zeigen können. Der spielerische Umgang mit den leuchtenden Fundstücken ist eine Versuchsanordnung mit andern Mitteln, eine heitere Ergänzung zu den Tafelbildern, die Bereznickis Arbeit um eine Facette erweitert.        

 

Den Gegenpol bilden die Portraits, die ganz entschieden auf Erkennbarkeit abzielen. Vor allem bei den prominenten Gesichtern, die sicher jeder Besucher erkennen will, um sein persönliches Aha Erlebnis zu haben. Erkennbarkeit steht bei Portraits hoch im Kurs und mancher Laie macht daran die Qualität eines Bildes fest.  Den Portraits von Elisabeth Bereznicki fehlt bewusst jede Hintergründigkeit, die sie zu Charakterköpfen machen könnten. Die Künstlerin ist nur am Ikonenhaften Abbild interessiert, an Perfektion und Makellosigkeit. Doch eine seltsame Faszination geht von den Portraitierten aus, das Perfekte ist überhöht und übertrifft selbst die Hochglanzfotografie in den Luxusmagazinen. Am ehesten ist eine Verwandt-schaft mit den Portraits des Fotografenduos ‚Pierre und Gilles’ auszumachen, die mit künstlichen Inszenierungen Prominente in Szene setzen. Es mag an der altmeisterlichen Technik liegen, die die Künstlerin für die Textur des Teints anwendet. Die gestisch gemalten Details, wie Haare, Kopfbedeckungen, Schmuckstücke rücken das Bild wieder in die Nähe von gemalten Portraits und geben ihm eine Lebendigkeit die verblüffend ist. Die Portraitierten wirken nicht leblos doch seltsam entrückt, was durch die Freistellung auf dem weissen Untergrund noch unterstützt wird.

 

Lassen Sie sich von der Leichtigkeit dieser Ausstellung inspirieren, entdecken sie das Geheimnis der Dynamik und der Farben, die hier besonders intensiv leuchten.

  

Gérard Ziegler

 


"Il s´agit de bonheur"

Rede zur Ausstellungeröffnung Elisabeth Bereznicki „Il s'agit de bonheur“ E-Werk Freiburg 14. 09. 2007

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Elisabeth,

„Il s'agit de bonheur“ - „es handelt sich um das Glück“. Der Titel der Ausstellung, stellt eine Behauptung auf, die unmittelbar Fragen nach sich zieht: Um welches Glück geht es hier? Um das private Glück? Home Sweet Home?

 

Das Setting der Ausstellung legt diese Vermutung nahe: Ein Tisch mit Früchten, ein Sofa, eine Zimmerpflanze und ein Teppich, verbreiten Wohnzimmeratmosphäre. Hier vorn ist eine Art private „Fotoecke“ eingerichtet, mit Porträts und kleinen Zeichnungen und die Hausherrin im roten Blumenkleid scheint auch anwesend zu sein. Dennoch befinden wir uns unzweifelhaft in einer Ausstellung: der Tisch ist eine Skulptur des Bildhauers Matthias Dämpfle, der Teppich besteht aus den Buchstaben des Ausstellungstitels und die Gastgeberin ist nur ein leeres Kleid. Natürlich haben wir das alles von Anfang an gewusst. Die Künstlerin lässt uns hier keineswegs im Unklaren, sondern inszeniert einen Raum, der von Anfang an als Kunstraum wahrgenommen wird. Folglich sind die Dinge, die sich in diesem Raum befinden Kunstwerke. So viel meinen wir jedenfalls seit Duchamps „Ready Mades“ zu wissen. Und doch bleiben Zweifel: Sind das weiße Sofa der Künstlerin und die Zimmerpflanze nun Einrichtungsgegenstände oder Kunstwerke? Oder andersherum: Sind die Bilder, die hier hängen Kunstwerke oderEinrichtungs-gegenstände? Man ist geneigt zu sagen: Sowohl als auch! Elisabeth Bereznicki interessiert sich genau für diese Schnittstelle, wo Kunst und Leben aufeinander treffen. Dort, wo die Dinge zu Bildern werden und die Bilder zu Dingen. Unseren Umgang mit Kunst und unsere Wahrnehmung von Kunst versucht die Künstlerin mit gezielten Irritationen zu hinterfragen.

 

Hier drüben beispielsweise hängt ein Netz mit Tassen. Es sind jene Tassen, die lange Zeit Hauptmotiv Bildwelt von Bereznicki waren. Die echten Tassen verweisen auf die gemalten Tassen und drehen damit die Beziehung zwischen Urbild und Abbild, Signifikat und Signifikant um: Reales bezeichnet hier Gemaltes.

 

Das Wechseln von einem Aggregatzustand zum Anderen, die Verschränkung verschiedener Darstellungsmodi und Weltaneignungsmodelle ist zentrales Kennzeichen der Arbeiten von Elisabeth Bereznicki. Schrift wird mal als Bedeutungsträger, als Kommentar oder Erläuterung eingesetzt, ein anderes Mal wird sie so sehr gedehnt, gestaucht oder ineinander verwoben, dass sie nur noch als unentzifferbares Ornament wahrgenommen werden kann. Der Betrachter wird Zeuge der Umwandlung von Schrift in Bild. So ist der Satz aus übereinander geschriebenen Buchstaben, der das Porträt von Marcel Duchamp und Pablo Picasso als Liniengeflecht hinterfängt, nicht mehr lesbar. Doch auch wenn wir den Satz entziffern könnten, wir würden ihn nicht verstehen, da er auf polnisch, der Muttersprache der Künstlerin, geschrieben ist. Übersetzt heißt es da: „Das ist Kunst“. Die in Opposition platzierten Künstlerprofile symbolisieren die beiden Pole des von Bereznicki bearbeiteten künstlerischen Feldes ein. Duchamp steht für den konzeptuellen künstlerischen Ansatz, der schließlich in letzter Konsequenz in der Verweigerung Kunst zu produzieren, gipfelte. Picasso dagegen gilt als der Prototyp des Machers. Sein Schaffensdrang, führte ihn immer wieder zu neuen formalen Lösungen.

 

Er selbst beschrieb dieses Prinzip einmal so:

"Wenn man ganz genau weiß, was man machen will, wozu soll man es dann überhaupt noch machen? Da man es ja bereits weiß, ist es ganz ohne Interesse. Besser ist es dann, etwas ganz neues zu machen."

 

Die reflektiert distanzierte Haltung Duchamps und die vitale, schöpferische Kraft Picassos sind beide in der künstlerischen Arbeit von Elisabeth Bereznicki virulent. Distanz und Nähe, das Wechseln der Perspektive, die Verschiebung des Standpunkts und das Ausspielen eines reichen Formenvokabulars bestimmen auf unterschiedlichen Ebenen die Arbeitsweise der Künstlerin.

 

Bei einigen Bildern verwendet sie beispielsweise einen gemusterten Stoff als Malgrund und nutzt das vorgegebene Muster, um ein Sofa im Bild darzustellen. Die Abbildung des Sofabezugs und der Sofabezug selbst sind hier deckungsgleich. In der Malweise des auf dem Sofa liegenden männlichen Akts vermeidet Bereznicki eine allzu deskriptive Wiedergabe. Hier geht es weniger um die Charakterisierung des Dargestellten, sondern das Motiv bietet vor allem Anlass für eine delikate Farbmalerei. Schön zu sehen ist dies im Bereich des Bauches, wo sich die Farbe beinahe vom Gegenstand befreit und sich in einzelne Farbflecken auflöst. Etwas weiter unten im Bild entwickelt die Malerin aus der Schneckenform der Sofalehne und einer zusammengerollten Decke eine als Fläche gedachte Farbkomposition aus scharf von einander abgesetzten Farbflächen. Die Illusion des Bildraums wird an diesen Stellen gestört, Malerei zeigt sich als das, was sie ihrem Wesen nach ist: Organisation von Farbe auf Fläche.

 

Betrachten wir die anderen Bilder, so wird schnell klar, dass Bereznicki über ein reiches Repertoire von Ausdrucksmöglichkeiten verfügt. Klar abgegrenzte Farbfelder treffen auf gestische Malerei und grafische Elemente werden mit perspektivischer Raumtiefe verknüpft. Es geht hier nicht um Reduktion, sondern im Gegenteil, um die Verästelung verschiedener Stränge künstlerischen Arbeitens. Unterschiedliche Themen werden angeschnitten, durchgespielt, um dann wieder neu anzusetzen. So entstehen verschiedene Serien: beispielsweise die männlichen Akte, Innenräume oder Selbstporträts. Im Zentrum steht die Künstlerin, die Person. Hier laufen alle Fäden zusammen. Sie orchestriert die verschiedenen Themen, Techniken und Materialien zu einer Gesamtinszenierung. Ihr Vorgehen ähnelt dabei der Methode der Collage. So wie sie in ihren Bildern verschiedene Darstellungsmodi miteineander kombiniert, arrangiert sie in der Ausstellung ihre Arbeiten und stellt dadurch wieder neue Bezüge her. Beispielsweise platziert sie kleine Zeichnungen von Händen, wie Satzzeichen zwischen die großen Bilder. Diese an Gebärdensprache erinnernde Handzeichen scheinen Rezeptionsanweisungen für den Betrachter vor zu geben. Wie etwa: „Stehen bleiben! – Weiter gehen! – Nach rechts schauen!“ und persiflieren in gewisser Weise, den Autoritätsanspruch von Ausstellungsbeschilderungen. Mit Witz und Ironie beleuchtet Bereznicki auch ihre eigene Rolle als Künstlerin und Frau: Kopflos stellt sie sich im Stile eines Frauenzeitschriftencovers dar: „Heute, ist mir der Kopf noch nicht serviert worden“ heißt es dort.

 

Vis à vis, blickt uns ein Affe, der sich auf einen Totenschädel stützt, nachdenklich an. Es scheint, als sei er in der Reflexion über seine eigene Sterblichkeit versunken. Doch gerade das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit, zeichnet das Menschensein gegenüber der Affenexistenz aus. Doch hier mahnt der  Affe, der nicht erst seit Immendorf als Alter Ego des Künstlers gilt: „halt Maß, denk ans Ende, folge der Natur“.

 

Nikolaus Bischoff